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Ende neu, alles auf Null: Mit dem neuen, insgesamt siebten Studioalbum „Kashmir Karma“ tritt die legendäre Hamburger Band Selig in eine neue Karrierephase ein. Aufgenommen haben sie das Werk in einer einsamen Hütte in Schweden. Dort fanden die Musiker nicht nur sich selbst und ihre Freundschaft wieder – sondern auch die bestvorstellbare Selig-Musik. Selig Phase drei beginnt also genau: jetzt.

Was natürlich auch folgendes bedeutet: Wer noch mal lesen möchte, wie der Hamburger Band Selig 1994 mit Songs wie „Ohne dich“ der Durchbruch gelang, wie sie später nach New York gingen und sie nach einer längeren Pause ab 2009 ein erfolgreiches Comeback hinlegten, der muss leider den Wikipedia-Artikel über Selig bemühen, denn in diesem Text soll es nicht um das gehen, was war, sondern ausschließlich um das, was ist.

Da es ja aber niemals ohne das Bisschen Minimalkontext geht, beginnen wir vor ungefähr drei Jahren: Damals, also 2014, erschien das Album „Die Besten“ und die Band trennte sich im gegenseitigen Einvernehmen von dem langjährigen Keyboarder Malte Neumann. Auf der anschließenden Tournee kamen die Keyboards vom Computer. Und weil das Leben manchmal seltsame Wendungen nimmt, funktionierte dieser Computer eines Abends nicht. Danach war schnell klar: Nie wieder Computer und auch kein anderer Keyboarder. Sie waren jetzt also zu viert, wie die Beatles, aber wie es weitergehen sollte, war zunächst unklar.

In dieser Situation entschieden sie sich, einige Tage gemeinsam in ein Haus nach Schweden zu fahren, um dort in der Abgeschiedenheit ein paar Demos zu machen. „Das war die Woche der Wahrheit“, sagt Plewka. „In Gesprächen mit anderen Freunden habe ich immer gesagt: ‚In Schweden wird sich entscheiden, ob es die Band weiterhin gibt oder nicht.‘“ Und so saßen sie also im November 2016 in einem Auto auf dem Weg nach Schweden. „Wir kamen am Vorabend der Trump-Wahl dort an. Es war November, alles war eingeschneit, uns ist das Wasser eingefroren“, sagt Neander.

Am nächsten Tag war die Stimmung erst mal schlecht. Trump Präsident, eingeschneit im Niemandsland – für Selig fühlte es sich so an wie das Ende der Welt. Die Musiker begannen den Tag mit einem Spaziergang auf einen Berg hinter dem Haus, von dem aus man eine Schärenlandschaft und das Meer überblicken konnte. Der Ausblick war atemberaubend, die Stimmung wandelte sich, begeistert blickten die Musiker auf dieses Naturparadies zu ihren Füßen. Es war der schönste und der schlimmste aller Tage – und die Geburt einer neuen Identität für die Gruppe Selig.

„Als wir da oben saßen, haben wir gesagt: ‚Lasst uns ins Haus gehen und ein Lied machen‘“, sagt Plewka, „über diesen Moment, wie er jetzt ist.“ Was dann passierte, vergleicht der Sänger mit einem besonders genialen Tor von Christiano Ronaldo: „Manchmal bekommt man als Künstler ein Geschenk aus dem Universum.“ Am Abend dieses Tages hatten Selig ein fertiges Lied. Es heißt „Wintertag“, ist eine elegische Ballade und wurde an jedem Tag komplett komponiert, getextet, aufgenommen. Der Startschuss für „Kashmir Karma“.

Alles, was danach passierte, die Musik, die sie schrieben, die alte Freundschaft, die sie erneuert und vertieft haben – all diese Dinge hatten ihren Ursprung an jenem ersten Tag als Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Jan: „Wir saßen praktisch mit Nichts in dieser Hütte fernab von der Welt – das war das Beste, was uns passieren konnte, denn auf einmal waren da nur wir.“ Und so wurde ihnen nach „Wintertag“ klar: Nichts da Demos, die vermeintliche Vorbereitung IST die Produktion.

Sie nahmen also zwei weitere Songs auf diese Weise auf: Roh, unbehauen, eins zu eins im Wohnzimmer. Damit gingen sie zu dem Toningenieur Michael Ilbert, der das Album mixen sollte: „Hast du Lust auf ein irres Schwedenexperiment?“ Ilbert hat mit Katy Perry, Herbert Grönemeyer und ganz vielen anderen gearbeitet. Er kennt die strahlende Welt moderner Großproduktionen – und hatte vielleicht genau deshalb sogar sehr große Lust auf dieses besondere Rock’n’Roll-Experiment.

Insgesamt fünfmal fuhren Selig für jeweils zehn Tage nach Schweden, sie erlebten dort den Wechsel der Jahreszeiten, parallel entstand „Kashmir Karma“ aus unzähligen Ad-hoc-Situationen. Es war ein bisschen so wie in den ganz frühen Tagen in Hamburg, nur ganz anders. „Damals hingen wir immer im Mojo-Club herum und suchten ewig nach einem Bandnamen“, erinnert sich Plewka. „Kashmir Karma stand monatelang ganz oben auf der Liste, ehe es schließlich Selig wurde.“ Vergessen haben sie den Namen trotzdem nie, und als es jetzt darum ging, einen Titel für dieses spezielle Album zu finden, ploppte er plötzlich wieder auf: „Das Gefühl war so ähnlich wie damals, als wir die ersten Demos aufgenommen haben und noch nicht wussten, wo die Reise hinführt. Vielleicht ist dieser Name ja so eine Art Schutzengel, der nun wieder über uns gekommen ist.“

„Nach der Freiheit beginnt die Zukunft, und genau hier fängt sie an“, singt Jan Plewka nun in dem Song, der so heißt wie dieses Album. Ein Satz, der ein ganzes Jahr beschreibt. „Kashmir Karma“ ist ein kontinuierlich anschwellender Hymnus, der alles zusammenfasst, worum es bei dieser Produktion ging und einer der besten Selig-Songs aller Zeiten. Auch sonst verströmt das sechste Selig-Album den spontanen anarchischen Avant-Pop-Geist der Aufnahmen: „Alles ist nix“ zieht einen in „Kashmir Karma“ hinein wie in eine spontane Küchensession. Man sieht die Band förmlich vor dem geistigen Auge, wie sie in diesem Wohnzimmer in Schweden steht. Doch dann bläst es plötzlich das Dach von der Hütte, wenn Selig in einen dieser überlebensgroßen, für sie typischen Refrains finden.

„Kashmir Karma“ enthält also Selig-Musik in der besten aller denkbaren Formen, auf ihren Ursprung reduziert, aber mit der Erfahrung der Jahre versehen. Es geht um Leben und Tod, um Lust und Einsamkeit, um Freiheit und Gemeinschaft, um Liebe in allen Facetten, um den Umgang mit der Erde und um Gerechtigkeit. Die Band findet zu diesen Themen psychedelische Krautrock-Klänge wie in „Unsterblich“, es gibt Beatles-artige Chöre, Hendrix-Rock und natürlich macht Jan Plewka mit dieser einzigartigen Stimme immer noch Räume auf, die kaum ein anderer betritt. Plewka gehört zu den wenigen Sängern, die alles, was sie sind, eins zu eins in ihren Gesang legen können. Insofern ist er ein Soulmann klassischer Färbung – und davon gibt es in Deutschland nicht viele. Wir sollten sorgsam mit ihnen umgehen.

Über ein Jahr verteilt haben Selig insgesamt 50 Tage in Schweden gelacht, Musik gemacht, bis in die Nacht diskutiert, gemeinsam gekocht und die Natur erkundet. Und an einem dieser Tage sagte Jan Plewka einen scheinbar banalen Satz: „ihr seid meine Freunde.“ Danach entstand eine kurze Pause und plötzlich wurde allen klar, dass er Recht hatte: Stephan „Stoppel“ Eggert, Leonard „Leo“ Schmidthals, Christian Neander und Jan Plewka, die vor über 20 Jahren gemeinsam eine Band gegründet haben, die sie Kashmir Karma nennen wollten, fielen sich in die Arme.

Jeden Moment, vielleicht schon morgen, kann alles vorbei sein. Man muss sich seiner Liebe vergewissern und der Menschen und Dinge, die einem wichtig sind. Das hat die Gruppe Selig getan. Man hört es aus jeder Note von „Kashmir Karma“ heraus.
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